Januar 2020

Hotel Gartner

,,Ich hör den Winterblues“ - Stimmungsbericht aus einem verlassenen Kurort

Gestern hatte ich Lust auf einen kleinen Spaziergang. Bisschen Winterluft schnuppern, die Beine vertreten und die verweichlichten Bronchien abhärten. Außerdem die neue Winter-Garderobe ausprobieren und gleichzeitig die modischen Weihnachtsgeschenke herzeigen. Sonst macht der ganze Style ja keinen Sinn.

Also rein in die neuen Klamotten und raus auf die Straße. Einmal in die City und zurück. Paar Leute treffen, bisschen plaudern, Schaufenster gucken und dann noch irgendwo ein Gläschen für die innere Wohlfühltemperatur. So war der Plan.

Nur: Er ging nicht auf.

Während der ersten zehn Minuten meiner kleinen Tour war ich noch guter Dinge und bester Laune. Vergnügt begleitete ich zunächst die coolen Songs, die über meine Air-Pods und die Gehörgänge zu meinem Gehirn vorgedrungen waren, mit einen lässigen Finger-Schnippen und freute mich meines Daseins bis… Ja, bis ich plötzlich irgendwie so ein ganz komisches Gefühl bekam.

Was war das? Woher kam er dieser schlagartige Stimmungswechsel. Mir war - von einem Moment auf den anderen - wie soll man sagen - etwas trübselig zumute. Ein leichter Seelenschmerz war meiner habhaft geworden. Ich fühlte mich… irgendwie alleine.

Ja, das trifft die Stimmung: Ich fühlte mich mit einem Mal zutiefst einsam.

Während ich über meinen Zustand sinnierte war ich fast schon im Zentrum von Meran angekommen und abrupt wurde ich mir meines Dilemmas in dem ich steckte bewusst: Ich hatte auf der gesamten Strecke keinen einzigen Menschen getroffen. Keinen fröhlich vor sich hin pfeifenden Touristen mit Wanderstock und prall gefülltem Rucksack, keinen fleißigen Einheimischen der hurtig und pflichtbewusst seinem täglichen Schaffen nachging, kein junges Liebespaar auf einer Park-Bank sinnlich den Körper des jeweils anderen erforschend, keine schwer atmenden Senioren auf den letzten Metern ihres Daseins… Niemanden.

Was war passiert? Wo waren all die Menschen hin, die unsere Stadt normalerweise zu einem so lebenswerten Ort machen. Ich wusste es nicht.

Während erste Tropfen kühlen Angstschweißes über meinen Kaschmirpullover-gewärmten Rücken flossen, musste ich jäh an ein Stimmungsbild eines Romans denken, den ich vor einiger Zeit gelesen hatte. In Cormac Mc Carthys Roman ,,Die Straße” ziehen ein Vater und sein Sohn nach einem Katastrophenereignis durch ein postapokalyptisches, großteils verlassenes Amerika. Gefahr drohte Ihnen dabei von einigen wenigen anderen Menschen, die verzweifelt und ausgehungert (Kannibalismus!!!) durch die Gegend streiften.

Das nackte Grauen!

Während ich dieser Horrorvision nachhing und schon leicht zu verzweifeln begann, erblickte ich plötzlich die Lichter eines Gasthauses, aus dem mehrere menschliche Stimmen drangen. Die Rettung! Schnell betrat ich das Lokal, in dem mich sofort wohlige Wärme umfing und mir flugs ein Glas Sekt kredenzt wurde. Im Gespräch mit den anderen Insassen der Bar wurde mir dann schnell Trost zuteil. Die meisten unter den Besuchern waren auch leicht angeschlagen und von der Januardepression gebeutelt. Geschlossene Geschäfte, die Gastgewerbetreibenden im Zweitwohnsitz in den Tropen und kaum Besucher aus dem Ausland. Der Grund für den verlassenen Ort war einfach, dass mit Ende des Weihnachtsmarktes auch die postsaisonale Phase des Jahres eingeläutet worden war.

Aber so hart? Von einem Jahr zum anderen war man geneigt diese Phase etwas in Vergessenheit geraten zu lassen. Es galt jetzt schlicht und einfach hartes Brot zu essen!

Gemeinsam redete ich mit den anderen Barbesuchern den bald herannahenden Frühling herbei. Ein zweites Glas Sekt tat sein Übriges dazu. Auf dem Nachhauseweg fand ich noch einen geöffneten Buchladen, in dem ich etwas fröhlichere Lektüre als Cormac Mc Carthy fand.

Es geht mir jetzt wieder besser. Ich glaube alles wird gut.


Musikalisch baute ich mich mit folgenden Alben wieder auf:

Lana del Rey: ,,Norman fucking Rockwell”
Coldplay: ,,Everyday life”
Fontaines D.C.: ,,Dogrel”
Düsseldorf Düsterboys: ,,Nenn mich Musik”