April 2019

Hotel Gartner

Sei kein Depp, hör guten Rap. Ein Konzert-Besuch

Neulich war ich auf einem Rap-Konzert. Mit meiner Tochter. Das Ticket war das Weihnachtsgeschenk meines Kindes für ihren äußerst musikinteressierten Vater. Wunderbar! Habe ich sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen und sofort einen entsprechenden Vermerk in meinem Testament durchgeführt. Das Mädchen bekommt jetzt irgendwann neben meinen Schulden auch noch die gesamte Vinyl und CD-Sammlung. Immerhin 5000 Stück! Da kann man sich doch auch mal freuen, oder?

Doch zurück zum Thema. Wir beide also hin zum Konzert. Der Name der Band spielt keine Rolle, zumal die Musik -wie sich herausstellen sollte- derart belanglos war, dass eine Konzertkritik an dieser Stelle wohl kaum mehr als zwei Zeilen beanspruchen würden. Also wird dieser Blog eine Milieu-Studie, eine Sozialkritik bzw. eine Vater-Tochter-Familienausflug-Abendgestaltung-Nacherzählung-Berichterstattung.

Uff! Jetzt ist es raus. Und los geht's:

Der Weg hin zur Konzerthalle in München ließ einiges erwarten. Die Menschenschlange reichte gefühlt bis Rosenheim zurück und während wir uns nach kilometerlangen Wanderung hinten anstellten (eine Tätigkeit die meinem Wesen nicht so entspricht…) fühlte ich ob dieser sportlichen Tätigkeit bereits eine unangenehme Blasenbildung an meinen Fersen. Aus Angst mir auf dem Parkplatz vor der Halle obendrein noch eine Staublunge zuzulegen zog ich-übrigens genau gleich wie der Rest der 6000 Konzertbesucher-meinen schwarzen Kapuzenpulli tief ins Gesicht. Die Beweggründe mögen unterschiedlich gewesen sein (hier Hypochondrie-dort jugendliche, Styling-bedingte Lässigkeit), das Resultat war aber durchaus sehenswert. Die dunkel gekleidete Karawane die sich Richtung Hallen-Eingang schob sah aus wie der Trauerzug bei der Beerdigung eines Mafia-Paten.

Nur in minderjährig!

In der Halle angekommen drückten bereits die ersten wummernden Bässe gegen meinen wohlgemerkt athletischen Oberkörper. Zunächst kam ich mir vor wie bei einem Jane-Fonda Workout-Video aus den 80er-Jahren. Alle Menschen hielten die Hände in die Höhe und ließen ihre Handgelenke kreisen. Nach genauerer Beobachtung wurde mir dann klar, dass es sich hier nicht um Fitness-Übungen handelte, sondern alle, aber wirklich alle Besucher ein Mobil-Telefon in ihren Händen hielten und dieses zur Aufnahme des Aufwärm-DJs nutzen, der mit nacktem Oberkörper den Vorstadt-Rapper-Gymnasiasten, Friseusen und Hobby-Gangstern einheizte. Auf einer Riesen-Leinwand kündigte ein Video den Haupt-Act an, in dem der Protagonist des Abends ebenfalls mit nacktem Oberkörper in einem Cabriolet mehr oder weniger singend durch die amerikanische Landschaft fuhr. Der Rapper im Video befand sich in Gesellschaft zweier-welch Wunder- leichtbekleideter Models, die ihm während der Fahrt hingebungsvoll die volle Aufmerksamkeit widmeten. Die beiden Damen suchten mit ihren Zungen die Ohren des Musikers und näherten sich ihm schlangengleich und auch sonst etwas unanständig. Und dies bei voller Fahrt!

Vor allem die sportliche Leistung der beiden erschien mir beeindruckend, wobei ich nicht umhin kam meine Tochter darauf hinzuweisen, dass die Straßenverkehrsordnung derartige Verrenkungen bei voller Fahrt nicht gutheißen würde.
Mit dem Video war das Hauptereignis des Konzertes eigentlich schon durch. Die Live-Performance des Künstlers, dessen Texte sich hauptsächlich um -Original-Zitat- geile Weiber, Kohle (die von der Bank nicht die vom Bergbau…), Schmuck und Autos handelte ließ dann für meinen Geschmack etwas zu wünschen übrig. Der Rest des Publikums goutierte den Auftritt allerdings sehr.

Unter ihnen auch meine Tochter.

Ich glaube das mit dem Testament muss ich mir nochmals überlegen.

Zuhause angekommen musste ich etwas für meine mitgenommenen Ohren tun und hörte:

DJ Stingr Kern.Vol.4
Nils Landgren: 4 Wheel Drive
Billie Eilish: ,,When we all fall asleep, where do we go?
Weyes Blood: Titanic Rising