Juni 2019

Hotel Gartner

Schnäppchenjäger auf der Pirsch: Warum, Wieso, Weshalb? Eine anthropologische Analyse

Ich sag’s Ihnen gleich: Das wird heute ein begriffsanalytischer Blog. Sollten Sie auf derartige Wortklaubereien keinen Bock haben, können Sie ja jetzt schon eine lesetechnische Vollbremsung hinlegen. ,,Stop it” mit Florian Gartners philosophischen, pseudointellektuellen Eskapaden.

Gleiches gilt wenn Sie zur Kategorie der Schnäppchenjäger zählen. Denn genau darum geht es heute. Ich beschäftige mich mit dem Begriff Schnäppchen und wer über ein zartes Gemüt verfügt und schnell beleidigt ist, weil er sich unter Umständen angesprochen fühlt, möge spätestens jetzt bitte das (zweifelhafte) Lesevergnügen unterbrechen, offline gehen und sich in der nächstgelegenen Innenstadt nach den Sommerschluss -Abverkäufen umsehen. Könnte unter Umständen sinnvoller sein. Geiz soll ja bekanntlich soooo geil sein!

Schnäppchen also.

Warum zum Teufel ich heute mit dem heiklen Thema nerven muss? Na ja, das hängt mit einem Erlebnis zusammen, das ich kürzlich in einem Buchladen erfahren musste, als ich Zeuge wurde, wie sich ein Urlauber beim Verkäufer nach einem ,,Italien-Mode-Schnäppchen-Führer” erkundigte. Outlet war das Zauberwort. Prada zum Harz 4-Preis, beim Erwerb von 2xGucci 1 Dolce Gabbana umsonst… Der arme Mensch (der Verkäufer, nicht der Urlauber) war erschüttert. Zuerst einmal konnte er mit dem Wunsch des Kunden nichts, aber auch gar nichts anfangen, da ein solches Buch offensichtlich nicht in seinem Sortiment aufschien, außerdem war er, man muss das Kind beim Namen nennen, augenscheinlich auch ein ganz klein wenig peinlich berührt. Mit gesenktem Blick murmelte er sowas wie: ,,Haben wir leider nicht”, und versteckte sich schnellstens wieder hinter dem nächsten Bücherregal, äußerst mitgenommen ob dieses erschütternden Kultur-Clashs.

So einfach wollte ich es mir nicht machen. Als vergeistigter Mensch der ich nun einmal bin musste ich auf der Stelle eine anthropologische Analyse der Spezies ,,Urlauber mit Absahner-Hintergrund” vornehmen. Warum gieren Menschen, die keine finanziellen Probleme haben, nach Sonderangeboten? Warum (Preis)-Schlager hören wenn es auch Rock ’n’ Roll gibt? Halbwegs intelligente Menschen müssen doch wissen, dass sie auf dem Weg in die modische Hölle sind, wenn ihnen windige Verkäufer die Produkte von vor drei Jahren andrehen, die unter Umständen schon damals keiner wollte. Viele Händler kaufen extra für die Sonderangebots-Zeit zweitklassige Ware ein und vermitteln dem unkundigen Abnehmer das Gefühl gerade das Geschäft des Jahres abgeschlossen zu haben.

,,O tempora, o mores”! Hat Cicero mit dem von ihm angesprochenen Verfall der Sitten die Menschen an den Pranger gestellt, die freiwillig ihre Körper mit Billigware bedeckten? Gab es im alten Rom eigentlich schon outlets? Stammten die Rüstungen der Gladiatoren-Kämpfer in den Arenen vom Trödler? Fragen über Fragen, die dem Schnäppchenjäger an sich egal sein mögen, für Menschen mit echten modischen Ambitionen aber durchaus ein Thema sein können. Beginnt der Stil dort, wo der Nepp endet? Könnte sein… Ist im Umkehrschluss dann alles schön, was teuer ist? Keinesfalls, aber dass Qualität ihren Preis hat dürfte so sicher sein wie das Amen im modischen Gebet.

Der Herr, der den armen Verkäufer mit seinem Buch-Wunsch quälte, schien seinem Äußeren zufolge jedenfalls schon früher einmal einen Schnäppchenführer für ein anderes Land gefunden zu haben. Welches? Ich möchte jetzt ja keinem zu Nahe treten, aber ich tippe jetzt mal auf das Hinterland von Rumänien.

Auch da gibt es Mode. Alles nur eine Frage der Sichtweise.

Musikalisch stehe ich gerade auf folgende Alben:

Black Midi: ,,Schlagenheim”
The Raconteurs: ,,Help us stranger”
Black Keys: ,,Let’s Rock”
Von Wegen Lisbeth: ,,sweetlilly93qhotmail.com”
Bonaparte: ,,Was mir passierte”
Mattiel: ,,Satis factory”