August 2019

Hotel Gartner

Philologen in der Nacht: Unterwegs mit Freund Mustafa

Wichtige Frage vorab: Sind Sie Cineast?

Ja?

Ok, dann können Sie mit diesem Text fortfahren. Dann kriegen Sie nämlich auch das richtige Feeling für die Geschichte, die ich Ihnen heute erzählen möchte.

Natürlich kennen Sie als leidenschaftliche Kinogänger und Filme-Liebhaber Jim Jarmusch den Autorenfilmer, Schauspieler und Filmproduzenten. Nur zur Erinnerung: Der Independent-Regisseur hat so geile Streifen wie,, Stranger than Paradise“, ,,Coffee and Cigarettes“, ,,Down by Law“ und ,, Dead Man“ gedreht.

Und ,,Night on Earth“. Ein unglaublich cooler Film der im Inneren verschiedener Taxis spielt. In Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki erleben die jeweiligen Insassen die skurrilste Fahrt ihres Lebens. Und selbstverständlich durchgeknallte Fahrer!

Wenn der gute Jim kürzlich mit mir im Fond des Taxis  gesessen hätte, das mich durch München kutschierte hätte er wohl die Kamera rausgeholt und munter drauf los gefilmt.

Hauptdarsteller wäre mein Chauffeur, eine türkische Quasselstrippe (agustosböcegi…) vor dem Herrn (Tanri, Allah…), der mitten in der Nacht auf interkulturelle Kommunikation (und Kritik) aus war. Und das Thema wäre ethnische Spurensuche.

Und so lief's in der Realität ab:

,,Woher kommst Du“?

,,Südtirol“.

,,Was?“

,,Südtirol“?

,,Wo is“?

,,Im Norden Italiens“

,,Deshalb sprichst Du so komisch“?

Ähh… unglaubliche Frechheit!

Kurz aber doch umso schneller hatte es der Osmane geschafft doch einen leichten Hauch von Antipathie ihm gegenüber aufkommen zu lassen. Erst recht, weil sich der kleine, glatzköpfige Wüsten-Sohn (he,he…mir ist jetzt kein Klischee mehr zu blöd) nun glaubte sich zu erinnern bereits einmal zu seiner Zeit als LKW-Fahrer in Südtirol gewesen zu sein.

,,Is Land, wo Menschen nicht gut reden können! Sprechen gebrochen Deutsch“

Oho, ein Sprachwissenschaftler. Ein Philologe und Linguist am Steuer meines Taxis.

What the hell…

Warum müssen solche Dinge immer mir passieren?

Höflich versuchte ich ihm Geschichte, Land, Leute und vor allem die Sprache(n) meiner Heimat zu erklären, aber mein neuer Bekannter - nennen wir in der Einfach halber Mustafa - (he,he, …Klische: Klappe die zweite) hatte kein Einsehen und einen starken Hang zur Wiederholung.

,,Menschen dort irgendwie komisch. Nicht deutsch, nicht italienisch“.

Das war der Zeitpunkt wo ich meinen Türkei-Urlaub (sofern ich einen gebucht hätte…) stornieren wollte. Der vereinfachte Angriff auf meine kulturelle Identität begann sich in leichten Kopfschmerzen niederzuschlagen. Kurzfristig überlegte ich den Fahrer anzuweisen mich ins österreichische Konsulat bringen zu lassen, um dort einen neuen Pass zu beantragen und somit Staatsbürgerschaft und Sprache in Einklang zu bringen. Nur die Uhrzeit mitten in der Nacht verhinderte einen politischen und ethnischen Skandal.

Beim relativ kühlen Abschied von Mustafa teilte mir selbiger noch mit, dass er demnächst beabsichtige das wahre Italien zu besuchen. Die türkische Gemeinde in Modena sei sein Ziel.

In einem Film von Jarmush wäre er vielleicht (hoffentlich) für immer dort geblieben.

 

Um Mustafa zu vergessen hörte ich später:

Violent femmes: ,,Hotel last resort”

The flaming lips: Kings mouth”

Lloyd Cole: ,,Guesswork”