Dezember 2019

Hotel Gartner

Gruppenzwang all'italiana: Auf Besuch am Meraner Weihnachtsmarkt

Wikinger, Osmanen und Hunnen, Germanen, Mongolen und Tataren… Die Liste der Völker die in der Geschichte ihre Duftmarken gesetzt haben, wenn es darum ging bei ihren jeweiligen Nachbarn mal kurz vorbeizuschauen und für - gelinde gesagt - ein wenig Unruhe zu sorgen ist lang. Mit Pauken und Trompeten, zu Fuß, zu Pferd und auf Streitwägen anreisen, die Einheimischen in Angst und Schrecken versetzen und zu guter Letzt dann auch noch den Müll liegen lassen.

Tja, und die Geschichte verändert sich nur unwesentlich. Sie wird nur zeitgemäßer.

Da wären heute - ein paar Tage später - beispielsweise die italienischen Touristen, die alljährlich die Südtiroler Weihnachtsmärkte überschwemmen. Auch sie muss man fürchten. Nicht ganz so wie die Hunnen, aber immerhin.

Pünktlich zur Eröffnung Ende November sind sie da. Zu Tausenden! Frühmorgens starten sie in den oberitalienischen Städten und tauchen plötzlich - äußerst  furchteinflößend (Kriegsbemalung ???) - durch den dichten Nebel der Poebene im Alpenraum auf. Im Autobus statt im Streitwagen, auf dem Kopf hässliche Plüschmützen mit Tiermotiven (WARUM frage ich mich, WARUM…) bewaffnet mit gefälschten Gucci-Taschen statt mit echten Streitäxten.

Alle sind gleich. Alle sind, äh irgendwie stromlinienförmig. Weihnachtshungrig. Christmasgeil. Es ist jährlich derselbe Horror.

So auch wieder am letzten Wochenende, den allseits gefürchteten Tagen rund um den 08. Dezember. An diesem Datum feiert man in Italien das Fest der unbefleckten Empfängnis. Da kommt ein Ausflug zum ,,mercatino“ nach Meran gerade recht.

Denn jährlich grüßt das Jesu-Kind!

Konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Schon aus soziologischen Gründen. Und um Stoff für den aktuellen Blog zu sammeln.

Immer wieder interessant zu sehen, wie Menschen in wattierte Wintermäntel gehüllt orientierungslos durch die Innenstadt taumeln, Dinge essen und trinken, von denen sie tatsächlich glauben sie wären ,,tipico” für die Tiroler Kultur (belegte Brote mit Sauerkraut, Schokoladen-Brezel, Kirschen-Glüh-Mix…) und Weihnachtskäufe tätigen, die kein Mensch braucht. Hölzerne Weihnachtsengel ,,Made in China”, potthässliche Hausschuhe (Bangladesch???) und handgestrickte (wer es glaubt bleibt an diesem Feiertag unbefleckt, äh wird selig) Socken und Stofftiere - gebastelt von armen, kleinen Südtiroler Bauernkindern, die in Wirklichkeit im Augenblick an einem Strand in Phuket sitzen und keinen blassen Schimmer von den christlichen Machenschaften in ihrer Heimat haben.

Wohlhabende Wiederholungstäter leisten sich unter Umständen gar ein Stück Speck in einer der Metzgereien der Altstadt als Mitbringsel für die bedauernswerten daheim Gebliebenen oder besuchen ein beheiztes Cafe zum Aufwärmen der kalten Knochen bei einem schnellen Macchiato.

Fantastico, meraviglioso, generoso…

Sportlich ist die Leistung der Weihnachts-Shopper aus Mailand, Vicenza, Bergamo und Brescia allerdings nicht hoch genug zu bewerten. Bei knackigen Wintertemperaturen unter dem Gefrierpunkt wird die ca. 600 m lange Promenade von 9 Uhr (Ankunft) morgens bis 17 Uhr abends (Abfahrt) entlang der verschiedenen Weihnachtsstände immer und immer wieder begangen. Bis zur Abreise dürfte in etwa die Distanz eines Halbmarathons bewältigt worden sein. Und das Ganze mit lautstarker Weihnachtsmusik in den plüschbedeckten Ohren.

Ob das Mongolen, Türken du Co. damals geschafft hätten? Mit Strauben (süßem Südtiroler Backwerk) im Magen und berauscht vom klebrigen Apfelstrudel-Likör.

Wer weiß?

Eines allerdings ist sicher: So zuverlässig, stereotyp und vorhersehbar waren die Besucher vor einigen Jahrhunderten wohl kaum.

Und sie trugen ganz sicher keine Plüschmützen.




Musikalischen Trost spendeten mir nach dem Markt-Besuch folgende Alben:

Brand New Heavies: ,,Tbnh”

Notorius B.I.G.: ,,Greatest hits”

Leonhard Cohen: ,,Thanks for the dance”