November 2018

Unterwegs in der Online-Hölle: Ein Hotelier irrt sich gewaltig

Brauchen Sie ein Klavier?
Ich hätte eines zu verkaufen.

Oder ein paar Gartenstühle.
Kein Problem!

Schreibtisch gefällig?
Hab ich!

Eine Samtcouch vielleicht?
Steht zur Verfügung.

Um Gottes Willen werden Sie jetzt sagen, was ist mit dem Mann los? Verkauft der sein Hab und Gut? Ist er jetzt komplett verarmt. Fressen ihn seine Frau und die beiden Töchter finanziell vollkommen auf. Oder haben Sie ihn gar verlassen? Ist dem nichts peinlich? Mutiert er gar zum Wanderhändler, eingehüllt in Decken, mit gramgebeugtem Rücken und leerem Blick.

Nein, nein, bleiben Sie cool!

Nichts von alledem.

Ich bin nur zufällig in den Niederungen des online-Handels gelandet und irre dort umher wie Dante Alighieri einst in seinem Inferno. In der Vor-Umbau-Phase unseres Hotels hat mich unsere Rezeptionistin darauf hingewiesen, dass man aussortierte Möbel ja auch im Netz verkaufen könne, statt einfach nur auf den Sperrmüll zu bringen.

Naja, dachte ich so bei mir, ein paar Kröten könnte ich für den Umbau schon noch brauchen.

Und: „Was der olle Dante kann, kann ich schon lange“.

Und seitdem treffe ich mich täglich virtuell und auch ganz konkret mit obskuren Gestalten in Vorhölle und Hölle der hemmungslosen Habsucht und der unbändigen Raffgier. Neben dem manchmal eigenartig anmutendem Streben nach materiellem Besitz scheint manchen Internet-Shoppern auch eine tiefe Einsamkeit zugrunde zu liegen. Reden um des Redens willens, Verhandeln um des Verhandelns. Gemeinsam irrlichtern wir durch Magazin und Kellerräume, starren auf Beistelltischchen und Nachtkästchen und tauschen uns über Nichtigkeiten aus. Menschen auf der Suche nach manchmal unnützen Gegenständen vor allem aber nach sich selbst.

Schluchz…

In solchen Momenten habe ich Tränen in den Augen, wenn ich z. B. sehe, wie sich jemand mit einem Badezimmer-Spiegel unterm Arm wieder an die Erdoberfläche begibt.

Es scheint als hätte er zumindest sein temporäres Glück gefunden.

Dante landete einst am Ende seines Weges im Paradies. Da bin ich mir bei meinen neuen Freunden allerdings nicht so sicher.

P.S. Der finanzielle Ertrag meiner neuen Unternehmer-Tätigkeit ist bis heute erbärmlich.

„Schuster bleib bei deinen Leisten“, sprach einst der berühmte griechische Maler Apelles.

Und er sagte das, ohne Dante und mich zu kennen.



Auch in der Hölle hört man Musik! In meinem Fall:
Japan: ,,Tin drum“
Jens Friebe: ,,Fuck Penetration“
The Truffauts: ,,Oscar“
Marianne Faithfull: ,,Negative Capability”