November 2018

Game of bones: Hungerschreie aus dem kulinarischen Nichts

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Leser: Sie sind in diesem Moment Teil eines ganz besonderen Ereignisses. Sie erleben gerade einen Live-Blog.
 
In diesem Augenblick schreibe ich.

Für Sie! Für mich selbst! Aus Verzweiflung! Vor Angst! Ich bin am Ende… Ich rufe um Hilfe… Seien Sie gnädig mit mir!

Biiiiiiiiiiiiiiitte, ich habe Hunger!

Ich habe mich freiwillig (unglaublich, aber wahr…) in ein Sanatorium begeben, um mich dort der Mayr-Diät zum Entgiften meines Leibes auszusetzen. So etwas Detox ab und zu sei gut für Körper und Geist, hieß es. Na ja - dachte ich bei mir - nachdem ich kaum jemanden so sehr liebe wie meinen Leib und meine Seele, tue ich denen mal was Gutes.

So, und jetzt sitze ich hier und schreibe. So nach dem Motto: Wer fastet der postet! In der Hoffnung, dass mir ein Leser, ein Wohltäter, irgendjemand eine Wurstsemmel durch mein Gefängnis-Fenster reicht. Sie sollen wissen, ich tue alles dafür.

ALLES!

Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ich jeden Tag mit Salzwasser, ein paar Bittertropfen und einem Basen-Tee mit Ahornsirup beginne. Mittags und Abends gibt es dann Gemüsebrühe. Das wars! Bin seit vier Tagen auf Null-Diät! Ich sehe nur Flüssiges! Am Essenstisch und auf der Toilet…

Na ja, lassen wir das. Möchte trotz meiner Qualen nicht ausfällig werden. Jetzt weiß ich aber was der griechische Philosoph Heraklit meinte, als er unser Sein mit einem Fluss verglich und die Formel ,,Panta rhei - alles fließt” erstellte. Offensichtlich war der Mann Masochist und Hungerkünstler.

Gerade starre ich auf meinen Tischnachbarn, der sich bereits an einem fortgeschrittenen Punkt seiner Kur befindet und sein Kautraining übt. Langsam, verzweifelt, aber auch genüsslich labt er sich an einem verbrannten Buchweizentoast.

Verdammt! Mann wird wirklich bescheiden!

,,Kautraining?”, denke ich mir. Ja, haben Sie die noch alle? Ich bin doch keine Kuh!

Zum Glück! Die Viecher haben ja vier Mägen. Mir reicht schon ein leerer.

Ich rede / schreibe Blödsinn. Mein Hirn fühlt sich an wie Watte. Soll ich jetzt das Blumengesteck am Tisch anknabbern, oder nicht? Nein, ich trink lieber noch einen Thymiantee. Durchhalten! Für morgen hat man mir eine trockene Dinkelsemmel versprochen!

Ich hasse Dinkel!

Versuche die Bedienung zu bestechen. Krieg ich noch einen Reiscracker? Die Frau schaut mich so entgeistert an, als ob ich Sie um ausgefallene Sex-Praktiken gebeten hätte. Sie sagt nur ein Wort: ,,Kurstufe 1”, was soviel heißt wie ,,Nur über meine Leiche”.

Wer ist hier bald die Leiche?

So ein Drache!

Muss jetzt aufhören. Bin zu schwach zum Tippen. Sollte ich diese Woche überleben, hören Sie von mir.

Wenn nicht, dann möchte ich, dass das was von mir übrig bleibt verbrannt wird.

Sind eh nur noch Knochen!


Im Moment rettet mich nur die Musik. Konkret:

The Good, the Bad & the Queen: ,,Merrie Land”
The smashing pumpskins: ,, Shiny and oh so bright”
Nick Cave: ,,Distant sky (Live in Copenhagen)”
The prodigy: ,,No tourists”