April 2018

Als ich ein Amt besuchte und in Gedanken Franz Kafka begegnete

Sind Sie ein literarisch gebildeter Mensch?

Ja?

Ehrlich?

Gut, wenn ihre Antwort der Wahrheit entspricht, dann haben Sie mit Sicherheit  Franz Kafkas Roman ,,Der Prozess” gelesen.

,,Ääääääääääääääääääääh, ich glaube ja. Ist aber schon eine Weile her. Zu Schulzeiten. Kann mich nicht mehr sooo genau erinnern. Unser Deutschlehrer war eine Pflaume”.

Tja, dann will ich Ihnen schnell mal auf die Sprünge helfen. ,,Der Prozess” behandelt den sehr, sehr langen und verzweifelten Weg durch ein alptraumhaftes Labyrinth surrealer Bürokratie und ist heute zeitgemäßer denn je.

Punkt!

Warum ich das jetzt sage? (Abgesehen, davon, dass ich die Gelegenheit nutzen möchte als Bildungsbürger par excellence dazustehen). Das Wissen rund um diesen Roman ist äußerst hilfreich und sehr tröstlich, wenn Sie irgendwann den Alltag z.B. auf öffentlichen Ämtern erleben müssen. (Geteiltes Leid ist eben halbes Leid…) So wie es mir jüngst ergangen ist.

Lassen Sie mich erzählen:

Letzte Woche verdammte mich meine Frau mit Hilfe einer liebevoll dahingehauchten Frage zum Besuch der Bürokraten-Hölle, äh, des lokalen Steueramtes. ,,Schaaatz, kannst Du mir auf dem Weg nach Hause  kurz beim Amt vorbeischauen. Nur eine Kleinigkeit. Wir brauchen die Steuerkarte für den neuen Hotelpraktikanten”. In meiner grenzenlosen Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft begab ich mich zu dem genannten Gebäude, in dem mich - ähnlich wie bei Kafka - ein Labyrinth an verschiedenen Büros und Schaltern erwartete.

Die erste Etappe der nachfolgenden Odyssee war der so genannte ,,Vor-Informations-Schalter”. ,,Was zum Teufel ist eine Vor-Information?”, dachte ich bei mir, während ich aus einem entsprechenden Apparat eine Nummer zog, die mich zum Warten hinter 20 anderen braven Bürgern verdonnerte. Eine knappe Stunde später wusste ich es.

Hinter besagtem Schalter saß ein äußerst unattraktives Wesen, welches nach nervenzehrender obgenannten Wartezeit kommentarlos (taubstumm???) auf ein Gerät verwies an dem es einen weiteren nummerierten Warte-Schein zu ziehen galt.

Das war die wichtige Vor-Information! Und dafür hatte ich meine Zeit verschwendet!

Zähneknirschend reihte ich mich in die neue Schlange der Wartenden ein, die allesamt mit mörderischem Gesichtsausdruck dem behäbigen aber bunten Treiben der Beamten zusahen. Lustige Zurufe von einem Angestellten zum anderen, dazwischen gemeinsames Knabbern am Büro-Schoko-Osterhasen und ab und zu auch eine missmutige Abfertigung der wartenden Kunden sorgten für ein reges Treiben in dem sympathischen Raum.

Als ich endlich an der Reihe war (und kurz davor den zuständigen Beamten tätlich anzugreifen) bewies der der Mann dann doch seine unglaubliche Fachkompetenz und händigte mir im Nullkommanichts die Steuerkarte aus.

Einfach so. Schnell und unproblematisch. Innerhalb einer Minute.

Mein Zorn verflog blitzschnell. Beschämt musste ich konstatieren, dass dieser Mann doch ein fähiger und sehr angenehmer Zeitgenosse war.

Allein für diese (leider viel zu kurze) Bekanntschaft hatten sich die insgesamt zweieinhalb Stunden Wartezeit gelohnt!


Zur Entspannung hörte ich auf dem Heimweg:
Goat Girl: ,,Goat Girl”
Eels: ,,The Deconstruction”
IAMJJ: ,,Bloody future”
The Decemberists: ,,I’ll Be your girl”